Mitmachaktionen, Eigenkreationen und Bleiwüsten

Bundestagswahlkandidaten aus den Landkreisen Bad Kreuznach und Birkenfeld zeigen sich bei ihrer Wahlwerbung im weltweiten Internet teils hochmodern, teils völlig altbacken

Im Netz lässt sich“s gut auf Wählerfang gehen. Auf eigenen Seiten, bei Plattformen und Netzwerken. Doch nutzen die Kandidaten von der Nahe auch diese Möglichkeiten? Und wenn: wie?
WAHLKREIS BAD KREUZNACH. Am 27. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Fünf Kandidaten bewerben sich ernstzunehmend um das Direktmandat, das die Wähler mit ihrer Erststimme vergeben können: die bisherige Wahlkreisabgeordnete Julia Klöckner (CDU) aus Guldental, Sozialdemokrat Fritz-Rudolf Körper aus Rehborn, der Odernheimer Walter Jung von den Liberalen, die Grüne Stephanie Otto aus Bad Kreuznach sowie die Vertreterin der Linken, Tanja Krauth aus Birkenfeld. Auch im weltweiten Netz sind sie präsent, werben dort um Stimmen – allerdings auf höchst unterschiedlichen Niveaus.
Die bisherige Inhaberin des Direktmandats, Julia Klöckner, leistet sich auch den professionellsten Webauftritt. Die Seite www.julia-waehlen.info ist frisch und sauber gestaltet und bietet Informationen in Hülle und Fülle – von denen aber nicht wenige gerne mal wiederholt werden. Auffällig ist, dass auf der Seite viel mit so genannten Flash-Elementen gearbeitet wird. Die sind nicht jedermanns Sache – insbesondere nervöse Administratoren in Firmen schalten Flash schon mal gerne ab. Dann ist die schöne Klöckner-Seite auf einmal nur noch halb so schön. Ebenfalls wahrscheinlich eine Flash-Lösung ist der Eingang zur Wahlseite der Abgeordneten. Die eigentliche Seite verdunkelt sich, ein schwebendes Fenster erscheint, in dem viele Fotos von Julia Klöckner thematisch passend zu – meist eher allgemein gehaltenen – Wahlkampfaussagen zu sehen sind. Allemal genug für einen kurzen Überblick. Erreichen kann man die Abgeordnete über ihre Büros in Idar-Oberstein, Bad Kreuznach und Berlin. Schön auch die Idee, dass Seitenbesucher über das Wahlkampfplakat abstimmen konnten. Die Aktion ist inzwischen beendet. Dass man im Themenbereich jedoch auf Überschriften klicken muss, um weitere Aussagen zu bekommen, ist wenig nutzerfreundlich. Ein kurzes „mehr“ zum Klicken wäre hilfreicher.
Schlicht, aber schön im Aussehen und gut navigierbar ist koerper-waehlen.de. Hier gibt SPD-Kandidat Fritz-Rudolf Körper einen Überblick über seine Aktivitäten und Ziele. Leider gibt“s auf der ersten Seite keine Infos, sondern nur einführende, werbende Worte. Wer mehr wissen will, muss klicken – man stelle sich analog eine Zeitung vor, auf der der Verleger auf Seite eins schreibt, dass das ein ganz tolles Blatt mit großartigen Geschichten ist, während die spannenden Artikel erst weiter hinten anfangen. Kontakt zum Abgeordneten gibt“s nur per E-Mail und Formular. Eine Telefonnummer, auch zu einem Mitarbeiter, fehlt. Dafür sind die Sprechzeiten auf der Seite „aktuell“ aufgeführt. Leider muss man erst scrollen, um dies zu sehen – oben wird Werbung für die Partei und deren Kanzlerkandidaten gemacht. Im regionalen Bereich will Körper einfach nur „die richtigen Strippen ziehen“. Weitere Aussagen fehlen. Alles in allem eine informative Seite, die aber einige Defizite hat.
Dem Aussehen nach eher mit Hilfe von Vorlagen selbst gestrickt präsentiert sich die Seite www.walter-jung.eu. Der FDP-Kandidat informiert hier recht ausführlich über seine Ziele und Vorstellungen und hinterlässt gleich auf der ersten Seite alle Kontaktdaten – bis hin zur Handynummer. Der „News“-Bereich ist umfangreich, aber handelt selten vom Kandidaten selbst. Dafür twittert Walter Jung auf einer gesonderten Seite. Bei den Grafiken holpert“s teilweise noch ein wenig, und der Blog ist mausetot, doch ist der Webauftritt des Liberalen durchaus sehenswert und meist sehr informativ. Allein die Europa-Endung .eu verwirrt. Zugegeben: Walter Jung hat einen Namensvetter, der ihm die .de-Seite schon weggeschnappt hat. Aber eine .info-Seite hätte es auch getan …
Eine zwar schön aussehende, aber doch eher textlastige Seite präsentiert die Kandidatin der Grünen, Stephanie Otto, www.otto-nach-berlin.de. Vom Informationsgehalt ist sie durchaus hoch – wenn“s der Leser denn bei so viel Text noch aushält. Was die Einbindung anderer Plattformen, Filme oder auch nur Bilder betrifft, ist die Otto-Seite jedoch ein Reinfall. Hier muss gelesen werden.
Das gilt auch für die Seite der Kandidatin der Linken, Tanja Krauth. Nicht nur, dass sie noch deutlich mehr Text bietet als die der Konkurrentin von den Grünen, sie „besticht“ auch durch ein Design, dass schon vor zehn Jahren eher unangenehm aufgefallen wäre. Zudem ist sie unter tanja-krauth.de.vu erreichbar. Domains mit der Endung.de.vu sind kostenlos, .de-Seiten (für Deutschland) kosten aber zum Teil auch nur einen Euro pro Jahr (!). Warum sich die Linke eine Adresse aus dem Inselstaat Vanatu in der Südsee geholt hat (Endung .vu), bleibt ihr Geheimnis. Selbst die Foto-Seiten sind nur per Textlink zu erreichen.
Dass man mit Webseiten auch Geld machen kann, ist nichts Neues. Von den fünf Kandidaten rufen aber nur zwei direkt zur Spende auf: Julia Klöckner bittet genauso um Geld wie Tanja Krauth. Stephanie Otto, Fritz-Rudolf Körper und Walter Jung sind daran online eher nicht interessiert. Stefan Butz

Twitter-Gewitter und Film-Abstinenz
Kandidaten auf verschiedenen Plattformen aktiv

WAHLKREIS BAD KREUZNACH. In Zeiten des so genannten Web 2.0 sind“s lange schon nicht mehr die eigenen Seiten der Direktkandidaten, über die Informationen vermittelt werden: Dienste wie Twitter mit seinen Kurzmeldungen, Soziale Netzwerke wie „Wer kennt wen“, MeinVZ oder „Facebook“, Video-Plattformen wie Youtube geben vielfältige Möglichkeiten zur Information der Netz-Nutzer. Nur nutzen auch die Kandidaten diese Kanäle? Und wie informieren sie darüber? Bei Julia Klöckners Wahlkampfseite julia-waehlen.info ist alles fein säuberlich aufgeführt: Twitter, Facebook, Wer kennt wen, das „professionelle Netzwerk“ Xing, MeinVZ sowie ein Blog auf Focus.de. Fast überall sendet die Abgeordnete fleißig Nachrichten, in der Hauptsache von ihr selbst oder vielleicht auch von ihren Mitarbeiterinnen geschrieben, auch einige Terminankündigungen. Unsinns-Tweets, wie sie bei vielen auf Twitter vorkommen, gibt“s bei Klöckner nicht. Bei Wer kennt wen gibt“s eine persönliche Seite sowie die Gruppe „Wir für Julia“ – gegründet von einer Unerstützerin der Abgeordneten.
Eine eigene Gruppe gegründet hat Fritz-Rudolf Körper. Der Sozialdemokrat nutzt augenscheinlich den inzwischen zu RTL gehörenden Dienst sehr stark, hat auch eine sehr mitgliederstarke „Anpacken“-Gruppe gegründet. Dafür ist sein Twitter-Angebot eher ärmlich. Wenige Verfolger, dafür eine geschlossene Seite, auf die nur darf, wer eine Berechtigung hat. So wird der Sinn von Twitter – zumindest als Wahlkampfinstrument – ad absurdum geführt. Ungewöhnlich ist, dass Körper im Studentennetzwerk StudiVZ vertreten ist statt im Ableger für die Allgemeinheit namens MeinVZ. Im StudiVZ macht Körper in der Hauptsache aber nicht für sich, sondern per Video-Einbindung für SPD-Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier Werbung.
Walter Jung von der FDP ist weder klar bei Wer kennt wen identifizierbar, noch auf Facebook oder MeinVZ zu erreichen. Dafür twittert er heftig – allerdings weniger mit Eigenbeiträgen, sondern mit Zitaten seiner Parteikollegen. Auch eine Möglichkeit, Tweets abzusetzen.
Tanja Krauth ist zwar stark auf Wer kennt wen, hat aber keine Gruppen. Auf anderen Plattformen ist sie nicht vertreten. Genauso sieht“s bei Stephanie Otto aus. Nur dass sie gerade frisch bei Wer kennt wen eingesteigen ist und dort nur sehr wenige Bekannte hat.
Auf der Film-Plattform Youtube bietet Julia Klöckner den Kanal „Julia Klöckner TV“ an, Tanja Krauth ist hauptsächlich mit Ausschnitten aus Podiumsdiskussionen vertreten. Fritz-Rudolf Körper und Stephanie Otto haben hier nichts zu bieten. Und Walter Jung? Der hat keinen Film über sich. sondern einen Film von ihm im Angebot – von der Kommunalwahl. Er interviewt einen Parteikollegen. (stb)

Kandidatenseiten sind über Suchmaschinen nur schwer zu finden
Abfragen in Google bringen zum Teil gar keine Ergebnisse – Auch Suche nach Namen der Kandidaten bringt nicht immer alle Angebote der Politiker
WAHLKREIS BAD KREUZNACH. Wie gut sind die Bundestagsdirektkandidaten des Wahlkreises Bad Kreuznach zu finden, wenn man nicht die genauen Adressen ihrer Webseiten weiß. Die meisten Netznutzer behelfen sich da mit der Suchmaschine Google. Wir haben getestet, wie gut die Kandidaten über Google auffindbar sind. Der erste Suchbegriff war ein allgemeiner: „Direktkandidat Kreuznach“. Man sollte meinen, hier eine hübsche kleine Übersicht der Kandidaten und ihrer Seiten geliefert zu bekommen. Weit gefehlt. Nur allerlei zu vergangenen Wahlen. Das liegt jedoch nicht an Google, sondern daran, welche Informationen die Kandidaten auf ihren Seiten für die Suchmaschine bereit stellen – zum Beispiel mit so genannten Keywords (Schlüsselwörtern), über die Suchmaschinen Seiten einordnen können.
Nächster Versuch: Suchbegriff „Direktkandidat Kreuznach Bundestag 2009“. Auch hier lässt das Ergebnis zu wünschen übrig. Immerhin gibt“s bei SPD, CDU und Linken, deren Webauftritte auf der ersten Ergebnisseite angezeigt werden, Verweise zu den Kandidatenseiten. Nur Walter Jung, der Mann der FDP, schafft es mit seiner eigenen Homepage unter die Top-Suchergebnisse.
Bei der SPD-Landesseite muss man suchen, bis im unteren Teil der Seite Fritz-Rudolf Körpers Kurzvorstellung auftaucht. Die Kreis-SPD-Seite ist etwas besser – mit zwei Links oben. Die Landes-CDU hat eine eigene, durchaus informative Seite, auf der man sofort landet – zur Vorstellung von Julia Klöckner. Selbst ein Youtube-Video ist eingebettet. Warum es aber datenfressend auf HD-Auflösung springen muss, bleibt unklar.
Die Linke mit ihrer Kandidatin Tanja Krauth ist über eine Online-Zeitung erreichbar – nicht einmal die Landesseite der Partei taucht auf der ersten Ergebnisseite auf.
Wo sind eigentlich die Grünen mit ihrer Kandidatin Stephanie Otto? Nicht auf der ersten Ergebnisseite vertreten. Schade. Denn viele Nutzer klicken bei konkreten Suchbegriffen gar nicht auf weitere Google-Listen, sondern weg. Und nicht Stephanie Ottos Netzauftritt ist auf der zweiten Ergebnisseite zu finden, sondern der des Ortsverbands Bad Kreuznach, der wiederum zur Kandidatin verlinkt – mit dem eher kryptischen Satz „Stephanie Otto jetzt online“. Wer nicht weiß, wer Stephanie Otto ist, würde hinter diesem Link wohl kaum den Auftritt einer Bundestagsdirektkandidation vermuten.
Auf der Google-Ergebnisseite zwei gibt“s tatsächlich noch einen direkten Link zu einer Kandidatenseite: der von Tanja Krauth. Immerhin! Denn erst auf Seite sechs ist ein Teil des Angebots von Fritz-Rudolf Körpers Seite verlinkt.
Die Namen sind nun, nach teils recht umständlicher Klickerei, bekannt. Was spuckt Google dazu aus? Die Suche nach „Julia Klöckner“ liefert viele Ergebnisse. Ihre Hauptseite juliakloeckner.de, ihre Twitter-Seite, ihren Facebook-Link und anderes. Nur ihre Wahlkampfseite julia-waehlen.info taucht auf Seite eins der Google-Ergebnisse nicht auf.
Bei Fritz-Rudolf Körper ist“s nicht besser: Seine Hauptseite fritz-rudolf-koerper.de ist ganz oben, seine Wahlkampfseite im Netz unter der Adresse www.koerper-waehlen.de jedoch auf Seite eins nicht vorhanden. Walter Jung von den Liberalen hat mit Namensvettern zu kämpfen: Mit Professor Walter Jung aus Frankfurt und Autor Walt Jung aus den USA. Der Odernheimer schafft“s auf Platz drei der ersten Seite. Nicht schlecht. Auch auf anderen Kanälen informiert der Kandidat.
Tanja Krauths Seite erscheint ganz oben auf der Suchergebnisseite eins. Nur ansonsten gibt“s wenige Einträge zu ihr auf Netzwerkseiten. Bei Stephanie Ottos Seite sieht“s ganz düster aus: Die eigene Homepage wird nicht gefunden, Facebook und Twitter sind Fehlanzeige. (stb)

Probleme mit Internet Explorer
WAHLKREIS BAD KREUZNACH. Moderne Seiten sollten auf allen modernen Browsern laufen. Nur so ist gewährleistet, dass auch alle Informationen, die man übermitteln will, übermittelt werden. Wir haben die Seiten der Direktkandidaten gestestet. Auf den Internet Explorern 6 und 7, auf Firefox 3, auf Opera 10 und auf Safari 4. Julia Klöckners Seite hat deutliche Probleme mit dem Internet Explorer 7. Er zerschießt der CDU-Frau die Seitenleiste ihres Webauftritts. Walter Jung kann in Firefox und Opera seine Twitter-Box nicht richtig zeigen, Stephanie Ottos Seite hat Zeichensatzprobleme, wenn sie in Safari aufgerufen wird. (stb)

Beobachten und testen
WAHLKREIS BAD KREUZNACH. Nicht nur auf den Seiten der Kandidaten können sich Wähler informieren. Die Seite abgeordnetenwatch.de bietet zum Beispiel die Möglichkeit, allen Kandidaten Fragen zu stellen. Während Tanja Krauth und Walter Jung auf ihre Fragen zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes noch gar nicht geantwortet hatten und Julia Klöckner sowie Fritz-Rudolf Körper sich mit dem Antworten oft Zeit ließen, hatte Stephanie Otto bereits alle Wählerfragen beantwortet. Und wer noch nicht weiß, bei welcher Partei er sein Kreuz machen soll: Da hilft der Wahl-O-Mat – online zu erreichen unter wahl-o-mat.de. (stb)

Nur einer ist barrierefrei
WAHLKREIS BAD KREUZNACH. Wie barrierefrei sind die Seiten der Kandidaten? Barrierefreiheit im Netz bedeutet, dass auch Sehbehinderte leicht Zugriff auf die Inhalte haben. Vorbildlich ist hier Fritz-Rudolf Körper, der seine Inhalte zusätzlich als reine Text-Seiten ohne Grafiken und Animationen anbietet. Perfekte Voraussetzungen für Hilfsprogramme, die Texte dem Nutzer vorzulesen, ohne über andere Elemente zu „stolpern“. Die Seiten von Stephanie Otto und Tanja Krauth dürften, da eigentlich reine HTML-Produkte ohne Schnickschnack, ebenfalls noch zugänglich sein. Bei Walter Jung wird“s aufgrund der Twitter-Box schon schwieriger, und bei Julia Klöckner kann angesichts der vielen nicht auslesbaren Flash-Elemente von Barrierefreiheit keine Rede sein. (stb)

Alle Texte: Oeffentlicher Anzeiger vom Montag, 14. September 2009, Seite 16.

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